Luftkrieg und Ritterlichkeit
Frühjahr 1941. Zweites Kriegsjahr. Das Jagdgeschwader 52 ist im Westen stationiert, an der Nordseeküste von Belgien, Holland,Deutsche Bucht bis Dänemark, oft die Standorte wechselnd. Nach dem Einsatz in der "Luftschlacht" über England (August bis Oktober 1940 bei Calais) und nach "Auffrischung" in Krefeld (31.10.-6.12.) liegt die I.Gruppe in Katwijk an der Nordsee.Am 13.2.1941 verlegen Bodenpersonal der 3.Staffel sowie Teile des Nachrichtenzuges nach Vlissingen (auf Walcheren). Am 14.2. fliegen die Me 109 der 3.Staffel ein, Hptm. Kühle als Staffelkapitän. 1. und 2. Staffel sowie Stabskompanie verlegen am 21.2. nach Woensdrecht (50 km östlich Vlissingen, heute NATO-Flugplatz).
Die Jagdverbände an der langen Atlantik-Kanal-Nordseeküste hatten zu dieser Zeit als Hauptauftrag die Bekämpfung der in kleinen Formationen oder einzeln einfliegenden Aufklärungs-, Bomben- und Jagdflugzeuge der Royal Air Force. Der deutsche Flugmeldedienst war gut organisiert. Neben Küstenposten und Vorpostenschiffen der Marine (für verschlüsste Funkmeldungen) waren die ersten Funkmeßgeräte (=Radar) an der Küste vorhanden, die einfliegende Objekte durch elektronische Echomessung wahrnehmen und an Jägergefechtsstände sowie Flak weitergeben konnten, allerdings damals nur in Entfernungen bis 100 km (mit sog. "Freyageräten") Höhenmessungen waren noch nicht möglich, erst später mit dem damals noch separaten "Würzburg"Gerät.
Auf den Feldflugplätzen an der langen Nordseeküste waren bei Flugwetter ständig Alarmrotten oder -Schwärme einsatzbereit. So auch am 15.2. bei der 13.Staffel in Vlissingen. Gegen 10.30 Uhr meldet "Freya" Anflug "Möbelwagen" (im Funkverkehr Deckname für größere Flugzeuge) bei niedriger Wolkendecke. Die Alarmrotte mit Fw.Rüttger und Fhr. Gelich startet, entdeckt eine "Bristol Blenheim" an der Westküste von Walcheren. Abschuß in geringer Höhe bei Westerkapelle durch Fw. Karl Rüttger und Aufprall auf eine Wiese. Von der dreiköpfigen Besatzung überlebte keiner. Die Blenheim war im Dezember 1940, die Motoren im November gebaut worden laut Typenschild.
Die abgeschossene
Blenheim / Fw. Rüttger
Am gleichen Tag meldet "Freya" gegen 12 Uhr den Anflug einer einzelnen Maschine. Die Alarmrotte mit Fw. Ahnert startet, sichtet in Platznähe eine "Hurricane" und schießt sie bei Middelburg ab. Nach deren Bauchlandung wird der britische Sergeant verwundet gefangen genommen. Er hatte einen Kopfstreifschuß erlitten. Er trug wahrscheinlich den Auftrag, nach der vermißten Blenheim zu suchen.
Drei Tage später, am 18.2.1941, fand auf dem Friedhof Vlissingen die Beisetzung der drei Briten mit militärischen Ehren statt. Eine Ehrenkompanie des Heeres, ein Musikkorps der Kriegsmarine sowie eine Abordnung der 3. Staffel gestalteten die würdige Trauerfeier. Solche Ehrung im Luftkampf besiegter und gefallener Piloten zeugt von Ritterlichkeit und Ehrerbietung dem Kriegsgegner gegenüber. Im Jahre 1941 war eine Beisetzungszeremonie dieser Art angesichts der relativ wenigen feindlichen Einflüge und deren Abschüsse an der Küste in vielen Fällen durchführbar, nicht jedoch oder kaum auf anderen oder späteren Kriegsschauplätzen.
Beisetzung: Der
Inselkommandant der Insel Walcheren hält die Traueransprache /
Der Musik- und der Ehrenzug vor der Beisetzung in Vlissingen
Ritterliches Verhalten dem geschlagenen Gegner gegenüber gehörte zum militärischen Ehrenkodex der Luftwaffe und überhaupt der Wehrmacht.Die Gruppen des JG 52 wurden bald zum Einsatz im Feldzug gegen die Sowjetunion nach dem Osten verlegt:die II.Gruppe im Juni 1941 in den Mittelabschnitt, die III.Gruppe im Juni in den Südabschnitt, die 1. Gruppe im Oktober in den Mittelabschnitt.
Leutnant Karl Rüttger kam am 1.7.1942 nach seinem 38.Luftsieg und nach Bauchlandung wegen Motorschaden hinter der Frontlinie bei Kursk in sowjetische Gefangenschaft. Vom 14.6.- 1.7.1942 war er Kapitän der 3.Staffel, Nachfolger von Hptm. Bennemann. Am 25.6.1942 wurde ihm das Deutsche Kreuz in Gold verliehen.
Oberfeldwebel Heinz Ahnert stürzte nach seinem 57.Luftsieg am 23.8. bei Koptewo durch MG-Feuer eines Pe-2 Heckschützen ab. Postum erhielt er per 23.8.1942 das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen.
Dr. Gerhart Schröter, Leipzig
(Von Juli 1940 bis Mai 1945 beim JG 52, zuletzt NO der I.Gruppe)